41. Internationales Akiba-Rubinstein-Memorial
vom 17. bis 28. August 2005 in Polanica/Polen
Bei Halbzeit noch alles möglich
Im mit allen Tabellen und Berichten der Vorgängerturniere ausgestalteten
Theatersaal des polnischen Kurortes Polanica Zdroj, der heimlichen
Schachhauptstadt Polens, kommt eines der traditionsreichsten Festivals in Europa
zum 41. Mal zur Austragung. In fünf verschieden gestaffelten Open spielen mehr
als 500 Wettkämpfer, die jüngsten sechs und die ältesten mehr als achtzig Jahre
alt, zu Ehren des bekanntesten polnischen Großmeisters Akiba Rubinstein. Schon
die im Scheinwerferlicht „aufgeführte“ Eröffnung des Festivals mit der
Verleihung von Großmeister- und Internationalen Meistertiteln an junge
hoffnungsvolle polnische Schachspieler und der Ehrenbürgerschaft der Stadt an
den langjährigen Turnierdirektor sowie mit dem Vorführen einer „lebendigen“
Schachpartie ließ fühlen, mit welcher Verehrung hier an die von uns so geliebte
Sportart herangegangen wird. Jeden Tag ein anderes Programm: Demopartien,
Blitzturniere, Simultanschach mit Großmeistern und die Wiederholung des
Lebendschachs zeigen die Möglichkeiten zur Popularisierung des Schachs. Und
Zuschauer waren immer genügend anwesend; Einheimische, Urlauber und Kurgäste.
Trotz des Regens, der hier kein Sommerturnier, sondern aufgrund der aufziehenden
Kälte eher ein Herbst-Open vermuten ließ.
Aufgrund finanzieller Engpässe (erinnert an Deutschland!) gab es für
ausländische Titelträger keine Tantiemen; so war auch die Teilnahme dieser
geringer als den Jahren bis 2003. Auch aus der Ukraine kamen kaum Teilnehmer. So
wird das Turnier in erster Linie von den polnischen Kaderspielern und von den
jungen aufstrebenden Spielern genutzt, die sich auch den Trainern zeigen wollen.
Besonders in den ersten Runden gab es mehrer attraktive Verlustpartien der
Großmeister. Insgesamt waren unter den 64 Teilnehmern der A-Gruppe 28
Titelträger, von fünf Großmeistern bis hin zu drei FIDE-Meistern (W).
Für Falko fing das Turnier mit einer „Verrechnung“ an. Nach dem sicheren
Erstrundensieg gab es in Runde zwei im Mittelspiel eine komplizierte Stellung.
Falkos Bemerkung nach dem „Rechenfehler“: „Ich bin wohl noch im Urlaub – und da
gab es kein Taktiktraining!“ In der nächsten Partie (der junge Pole hatte zuvor
Großmeister Jakubiec überspielt und Remis geboten) wollte es Falko besonders
sicher machen. Manchmal geht aber gerade das schief. Trotz überlegener Stellung
und zwei fast voller Spielformulare konnte kein Weg zum Sieg gefunden werden. In
dieser Runde kam das Problem der Zeitnot zum Tragen. Falko dachte an die normale
Zeit (90 Minuten plus 30 Sekunden für jeden Zug. Sein Gegner erhielt jedoch nach
40 Zügen, so die neue FIDE-Zeit 15 Minuten hinzu.) und der Gegner an die neue.
Dadurch konnte er die Probleme auf dem Brett lösen!
Danach war die achtzehnjährige WIM Dorota Czarnota
Falkos Gegnerin. Es zeigte sich, dass Dorota genügend Erfahrungen bei
internationalen Titelkämpfen gesammelt hatte. Mehrmals im Spitzenfeld gelandet
leistete sie sehr starken Widerstand. Nach der grundlegenden Abwicklung der
Krise der Stellung hatte jeder noch die Dame, einen Springer und fünf Bauern.
Falkos Figuren hatten aktivere Positionen eingenommen. Nach dem ersten
Bauernverlust ging es dann aber schnell bergab, nach vier Stunden der volle
Punkt eingefahren.
Jeder sollte sich merken, gegen wen er schon mal verloren hat. Unter diesem
Motto lief bereits die mehrteilige Vorbereitung auf Rafal Lubczynski ab. „Ich
spiele heute so wie Kasparov!“ Das bezog sich auf die zu erwartende
Philidor-Verteidigung des Gegners. Und in der Partie lief es dann zwar
wechselseitig aber insgesamt doch so: Falko wollte Sieg und Rafal Remis. Und
jeder wartete mit Überraschungen auf. Auch jeweils einige Ungenauigkeiten
führten zu immer weiter sinkenden Material. Trotzdem konnte sich Falko kleinste
Vorteile bewahren und zum Schluss mit dem Läuferpaar ein „Bilderbuchtor
schießen“!
Mit dreieinhalb Punkten liegt Falko unmittelbar hinter der vierköpfigen Spitze.
Der Kampf ist trotz vieler Remisen sehr hart. Viele Partien gehen über vier
Stunden hinaus, was bei dieser Bedenkzeit eher selten ist.
Hoher Kampfgeist brachte viele Unentschieden (Teil 2)
In der zweiten Hälfte des 41. internationalen Rubinstein-Opens erkämpfte sich
Falko im wahrsten Sinne des Wortes vier Unentschieden; eine Partie ging
verloren. Auf Grund seiner Bekanntheit in Polen gingen seine Gegner sehr gut
vorbereitet in die Partien. Alle seine in der zweiten Hälfte des Turniers auch
schwerer werdenden Gegner versuchten in Nebensystemen oder in sehr gut
analysierten Eröffnungen, einen schnellen Weg in ausgeglichene Stellungen zu
erreichen.
Nach einem Remis gegen den „fast“ internationalen Meister Marszalek hatte Falko
Weiß gegen Großmeister Aleksander Mista. Gegen ihn hatte er bereits einmal eine
sehr gute Chance vergeben. Diesmal sollte es allerdings noch schlimmer kommen.
Wieder war durch eine eigenwillige Eröffnungsbehandlung durch den Großmeister
eine Ausgleichsstellung erreicht und Falko wollte sich damit nicht abfinden,
schlug im Zentrum mit dem falschen Bauern und befand sich wenige Züge später in
einer verlorenen Stellung.
Danach folgten drei weitere Unentschieden. Das erstere, gegen den jungen
Krysztof Bulski, war wieder eine sizilianische Nebenvariante, die der Gegner
speziell für Falko vorbereitet hatte. Falko fand am Brett nicht die beste
Zugfolge, fühlte sich in der Stellung nicht wohl und nahm das Remisangebot an.
Die folgende Partie gegen den gleichaltrigen Daniel Gumula führte über
viereinhalb Stunden zum Unentschieden. Falko wusste sich ständig etwas besser,
fand in der Stellung meist aber nur den zweitstärksten Zug. Es kam zu einem
starken Kampf auf dem gesamten Brett; auch Falkos König war risikoreich
einbezogen. Nach Damentausch und verringertem Material ging bei leicht besserer
Figurenstellung Falkos Kampf um den Sieg weiter. Erst als auch das letzte
Material getauscht wurde, einigten sich beide von einer „Zuschauertraube“
umringten Gegner auf Remis.
In der letzten Runde mit Schwarz spielend erhielt Falko den erfahrensten Gegner,
einen der Trainer vieler polnischer Kaderspieler, den Internationale Meister
Mikhail Kislov aus Russland. Erstmals im Turnier kam die „richtige“
sizilianische Verteidigung aufs Brett. Nach recht schnellem Ausgleich der
Stellung und dem Ablehnen des raschen Remisangebots durch den Gegner hielt der
Kampf nicht mehr lange an. Der Internationale Meister Kislov sicherte die
Stellung ab und Falko wollte es auch nicht weiter versuchen.
Der hohe kämpferische Grad fast aller Partien zeigte sich darin, dass gespielt
wurde, bis fast kein Material mehr vorhanden war.
Mit fünfeinhalb Punkten belegte Falko am Ende den 17. bis 24. Platz (nach
Wertung 19.).
Falko Bindrich U16 ELO: 2391 DWZ: 2313
| Runde |
Gegner |
Land |
ELO |
Titel |
Erg. |
| 1 |
Flasinski, Michal |
POL |
2176 |
|
1 |
| 2 |
Grycel, Kamil |
POL |
2282 |
|
0 |
| 3 |
Bagulski, Michal |
POL |
2204 |
|
½ |
| 4 |
Czarnota, Dorota |
POL |
2238 |
WIM |
1 |
| 5 |
Lubczynski, Rafal |
POL |
2340 |
FM |
1 |
| 6 |
Marszalek, Maciej |
POL |
2386 |
|
½ |
| 7 |
Mista, Aleksander |
POL |
2474 |
GM |
0 |
| 8 |
Bulski, Krysztof |
POL |
2260 |
|
½ |
| 9 |
Gumula, Daniel |
POL |
2287 |
|
½ |
| 10 |
Kislov, Mikhail |
RUS |
2351 |
IM |
½ |
| gesamt |
|
|
|
|
5,5 |
Oswald Bindrich
Referent Leistungssport
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